Hospize – Raststätten am Weg

von Markus Berger

 

Hospize, das waren Gasthäuser mit christlicher Hausordnung, von Mönchen errichtete Unterkünfte an Pilgerwegen und Einrichtungen zur Betreuung schwerkranker bzw. sterbender Menschen und derer Angehörigen (Duden), also Raststätten am letzten Lebensweg. Die moderne Hospizbewegung ist entstanden als Antwort auf zwei unheimliche Entwicklungen. Die durch Maschinen, Antibiotika, Transplantations- und Intensivmedizin möglich gewordene Lebensverlängerung selbst beim Ausfall lebenswichtiger Organe einerseits und andererseits das einsame Sterben in Krankenhäusern und Heimen unter oft unwürdigen Bedingungen.

Nicht, dass Transplantations- und Intensivmedizin nicht Ihr Gutes hätten. Das wohl, aber um jeden Preis und zu jeden Zweck? Auch zur Verlängerung eines Lebens das nicht mehr sein könnte als die Verhinderung eines würdigen Sterbens, wie es die Natur allem Leben anheim gibt? Typisch für solche Verabsolutierung des Lebens war die Tabuisierung des Todes. Der wurde quasi aus dem Alltag verbannt.

Dagegen sagt die Hospizbewegung: Sterben ist ein natürlicher Vorgang, ist Teil des Lebens wie die Geburt. Die Hospizgruppen wollen schwerstkranke und sterbende Menschen auf ihrem Weg begleiten, ihnen Lebensqualität ermöglichen bis zuletzt. Das ist Lebensbegleitung, auch für die Angehörigen. Damit werden Sterben und Tod in die Gemeinschaft der Lebenden eingebettet, wie das früher besonders in den überschaubaren Lebensgemeinschaften der Dörfer und kleinen Siedlungen selbstverständlich war. Da nahmen die Nachbarn und Verwandten Abschied vom Sterbenden, und dieser gab ihnen seinen Segen. So „segnete er das Zeitliche.“ Die Zurückgebliebenen bewahrten ihn in ihrem Herzen, und die Trauernden wurden aufgefangen in der Zuwendung derer, die mit ihnen zusammen weiter lebten.

Die Sterbenden „sind wichtig, weil sie eben sie sind... bis zu ihrem letzten Augenblick“, sagte Dr. Cicely Saunders, die 1967 das erste dieser modernen Hospize in Europa eröffnete. „Sie sind bis zum letzten Augeblick ihres Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben können.“ Das genau ist Ziel und Zweck der Hospizgruppen: Den Sterbenden Geborgenheit vermitteln, an einem Ort, wo sie in Würde, frei von Schmerzen, Fremdbestimmung und Isolierung ihr Leben als Schwerstkranke führen können bis zum Ende. „Im Kreise der Angehörigen und der Betreuenden sollen sie Abschied nehmen und loslassen können, ohne zu einem Leben vergewaltigt’ zu werden, das für sie keinen Sinn mehr hätte und das sie aus eigener Kraft nicht mehr leben könnten (Dr. Paul Becker, Bingen, Begründer der modernen Hospizbewegung in Deutschland).“

Von daher verbietet sich das, was der ehemalige Hamburger Senator Kusch wie der Ableger des Schweizer Sterbevereins „Dignitas“ in Hannover anbieten: gewerbsmäßige aktive Sterbehilfe als Beihilfe zur Selbsttötung. Denn beide nehmen den Menschen nicht mehr wichtig, jedenfalls nicht als Lebenden, allenfalls als Toten. Daran wollen sie verdienen. Kusch, der einen „Verein für Sterbehilfe“ gründete, hat publikumswirksam einer älteren Dame zum Tode verholfen, die nicht einmal schwer krank war. Sie hatte nur Angst vor dem Alter, der Einsamkeit und möglichem leidvollen Siechtum.

Dagegen bieten Hospizgruppen ambulante Begleitung an, auch der Angehörigen, damit niemand allein gelassen werde. Besonders geschulte ehrenamtliche Helferinnen und Helfer stehen dafür zur Verfügung. Sie besuchen die „Patienten“ zu Hause, im Heim oder im Krankenhaus. Sie haben für diese die Zeit, die heutzutage den professionellen Pflegern zu ihrem Leidwesen fehlt. Sie nehmen den leidenden Menschen wichtig.

Dazu bieten die Hospizgruppen qualifizierte Beratung durch Hospiz- und Palliativschwestern. Diese können Ärzte und die Patienten beraten, damit der Sterbeprozess nicht durch schweres Leiden und unerträgliche Schmerzen zur Qual wird. Sie sind bereit, mit Hausärzten zusammenzuarbeiten. Sie sind es, die bei einem Erstbesuch der Kranken darüber nachdenken, welche der ehrenamtlichen Hospizhelferinnen bzw. welcher -Helfer am besten für die Begleitung eines neuen Patienten geeignet ist. Sie sind auch verantwortlich für ein vielfältiges Angebot an Trauernde. Hier zeigt sich besonders: Hospiz ist immer dem Leben zugewandt, ist Hoffnung.

Für 2011 hat sich die Hospizgruppe einen weiteren großen Schritt für die hospizliche Begleitung der Schwerstkranken und Sterbenden in Ingelheim und Umgebung vorgenommen: ein erstes stationäres Bett zu schaffen für diejenigen, bei denen die Pflege und Begleitung im eigenem vertrauten Heim, die sich die meisten ja erhoffen, an das Ende des Möglichen gerät. Sie finden oft keinen Platz im Krankenhaus, weil sie nicht an einer akuten Krankheit leiden, und aus anderen Gründen schwerlich einen Platz in einem Pflegeheim. Hier will die Hospizgruppe helfen mit einem stationären Angebot in Zusammenarbeit mit dem Altenheim im Sohl. Dort sollen sie eine fürsorgliche Begleitung für ihre letzte Lebensspanne erfahren, versorgt von kompetenten Palliativschwestern, begleitet von ihren Anverwandten und Freunden, unterstützt von den ehrenamtlichen Helfern der Hospizgruppe Ingelheim. Das ist unser Konzept. Stadt und Landkreis haben ihre Unterstützung signalisiert.

Rückfragen an 06132 / 434531, das Telefon der Hospizgruppe Ingelheim.